Pflege- und Berufspädagogik in der Krise
Zur strukturellen Krise der Pflegebildung und zur Situation der Lehrenden an Pflegeschulen
Pflegebildung in der strukturellen Schieflage
Die berufliche Bildung in der Pflege befindet sich in Deutschland in einer tiefgreifenden strukturellen Krise. Diese zeigt sich nicht nur im subjektiven Belastungserleben der Lehrenden, sondern zunehmend auch in objektivierbaren Qualitätsindikatoren der Ausbildung. Sinkendes fachliches Niveau, steigende Abbruchquoten, wachsende Lernheterogenität, unzureichende Ausbildungsreife sowie ein Verlust pädagogischer Wirksamkeit verweisen auf ein System, das seine eigenen Ansprüche immer weniger erfüllen kann. Die häufig vorgebrachte Erklärung individueller Defizite greift zu kurz. Die Ursachen liegen primär nicht in Personen, sondern in systemischen Rahmenbedingungen.

1. Strukturelle Überlastung: Arbeitsverdichtung und Personalmangel
Pflegeschulen sind inzwischen in ähnlicher Weise vom Fachkräftemangel betroffen wie die Einrichtungen der praktischen Pflege. Offene Stellen bleiben über lange Zeit unbesetzt und werden notdürftig durch Mehrarbeit, fachfremden Einsatz oder Klassenverdichtung kompensiert. Damit einher geht eine kontinuierliche Reduktion der Zeit für Vorbereitung, individuelle Förderung und didaktische Innovation. Pädagogische Qualität entsteht jedoch nicht allein durch Engagement, sondern benötigt strukturelle Freiräume. Wo diese fehlen, wird Unterricht zwangsläufig funktionalisiert und auf ein Mindestmaß reduziert.
2. Bürokratisierung statt Pädagogik
Parallel zur Arbeitsverdichtung hat sich der Tätigkeitsfokus von Lehrkräften stark in Richtung Verwaltung verschoben. Dokumentationspflichten, Prüfungsverwaltung, Evaluationen, statistische Erhebungen und digitale Systempflege binden einen erheblichen Teil der Arbeitszeit. Was ursprünglich als Qualitätssicherung gedacht war, entwickelt sich zunehmend zu einem administrativen Selbstzweck. Pädagogische Arbeit wird zur Nebensache, professionelle Autonomie eingeschränkt. In der Bildungsforschung wird dieser Prozess als Deprofessionalisierung durch Bürokratisierung beschrieben: Fachliche Kompetenz wird nicht mehr primär in pädagogischer Gestaltung, sondern in administrativer Pflichterfüllung wirksam.
3. Heterogene Lerngruppen ohne systematische Unterstützung
Die Zusammensetzung der Lerngruppen an Pflegeschulen ist heute durch eine ausgeprägte Heterogenität gekennzeichnet. Große Unterschiede in sprachlicher Kompetenz, schulischer Vorbildung, psychosozialer Stabilität und kulturellem Hintergrund prägen den Unterrichtsalltag. Diese Vielfalt ist fachlich wie gesellschaftlich wertvoll, wird jedoch zu einer Überforderung, wenn sie nicht durch angemessene Unterstützungsstrukturen flankiert wird. In der Praxis fehlen häufig:
- systematische Sprachförderangebote
- schulsozialpädagogische Begleitung
- qualifizierte Lernberatung
- interdisziplinäre Unterstützungsteams
Lehrkräfte übernehmen daher Aufgaben, die ursprünglich anderen Professionen vorbehalten sein sollten. Pädagogik wird zum Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Defizite.
4. Theorie–Praxis-Divergenz und Loyalitätskonflikte
Ein grundlegender Widerspruch besteht zwischen den normativen Zielen der Pflegeausbildung und der erlebten Praxisrealität in vielen Einrichtungen. Während im Unterricht professionelle Standards, evidenzbasierte Pflege und Beziehungsarbeit vermittelt werden, erleben Auszubildende im Arbeitsalltag häufig Zeitdruck, Personalmangel und standardisierte Verrichtungslogik. Lehrkräfte geraten dadurch in institutionelle Loyalitätskonflikte. Sie vertreten normative Ideale, deren Umsetzung im Alltag oft unmöglich erscheint. Dies führt bei Auszubildenden zu Verunsicherung, Demotivation und im schlimmsten Fall zur beruflichen Abwendung.
5. Psychische Folgen für Lehrende: Moralische Erschöpfung
Die langfristige Diskrepanz zwischen pädagogischem Anspruch und struktureller Realität führt bei vielen Lehrenden zu emotionaler Erschöpfung. Besonders gravierend ist das Phänomen der moralischen Erschöpfung. Lehrkräfte wissen, was pädagogisch notwendig wäre, können es aber unter den gegebenen Bedingungen nicht umsetzen. Damit geht ein Verlust von Selbstwirksamkeit einher, ein zentraler Faktor beruflicher Zufriedenheit. Wo pädagogische Handlungsmacht systematisch eingeschränkt wird, entsteht Resignation statt Engagement.
6. Auswirkungen auf Ausbildungsqualität und Berufsidentität
Die strukturelle Überlastung der Pflegeschulen wirkt sich unmittelbar auf die Qualität der Ausbildung aus. Zunehmend werden folgende Entwicklungen beobachtet:
- Rückgang reflexiver Lernprozesse
- Reduktion komplexer Inhalte auf Prüfungswissen
- eingeschränkte Sprachkompetenz
- geringere Transferfähigkeit
- schwache Selbstlernkompetenz
Diese Entwicklungen sind kein Ausdruck mangelnder Motivation, sondern Ergebnis struktureller Überforderung. Ausbildung verliert ihren Bildungscharakter und wird zur bloßen Qualifikationsverwaltung.
Fazit: Pflegebildung als politischer Gestaltungsauftrag
Die Situation der Pflegebildung ist keine Lehrerkrise, sondern eine Systemkrise. Qualität in der Pflege beginnt nicht erst am Patientenbett, sondern in den Bildungsinstitutionen. Ohne nachhaltige Investitionen in Ausbildung lassen sich weder Fachkräftemangel noch Versorgungsqualität langfristig bewältigen. Pflegebildung ist keine Nebensache der Gesundheitspolitik, sondern ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Daseinsvorsorge.
Wer heute nicht in Bildung investiert, zahlt morgen mit Versorgungsdefiziten, Fachkräftemangel und wachsender sozialer Instabilität. Pflegebildung muss daher nicht lediglich reformiert, sondern strukturell neu gedacht werden.
